Verpolitisierung einer versicherungsmathematischen Frage
Zwei Faktoren beeinflussen den Umwandlungssatz: Die Lebenserwartung und die Rendite. Die erzielte Rendite trägt zur Finanzierung der Rente bei. Um einen Umwandlungssatz von 7% garantieren zu können, braucht es eine Rendite von 5%, was ohne riskante Anlagen nicht mehr erreicht werden kann. Die jüngste Finanzkrise hat gezeigt, wie verheerend die Abhängigkeit der zweiten Säule von der Börse ist.
In der Zweiten Säule hat jeder sein individuell angespartes Altersguthaben. Die Umrechnung dieses Altersguthaben samt den während dem Rentenbezug zu erwartenden Zinsen muss nach versicherungsmathematischen Grundsätzen erfolgen.
Wir haben das Glück, als Renter durchschnittlich drei Jahre länger leben zu dürfen als noch vor 25 Jahren. Das angesparte Altersguthaben muss folglich für mehr Lebensjahre reichen, was eine Kürzung der jährlichen Auszahlung zur Folge hat. Eigentlich eine einfache Dreisatzrechnung und keine politische, sondern eine versicherungstechnische Frage.
Laufende Renten sind nicht betroffen
Die Gegner eines fairen Umwandlungssatzes reden von Rentenklau. Es stellt sich indes die Frage, wer wem was klaut. Fakt ist, dass laufende Renten nicht betroffen sind. Den Rentnern wird folglich nichts geklaut. Fakt ist aber ebenso, dass heute Renten ausbezahlt werden, welche durch den hohen Umwandlungssatz nicht mehr voll finanziert sind. Weil die Lebenserwartung steigt und wir durchschnittlich 3 Jahre länger eine Rente beziehen als bei der Einführung des BVG, fehlen in der 2. Säule jährlich rund 600 Millionen Franken. Für diesen Fehlbetrag werden die Erwerbstätigen zur Kasse gebeten. Das verlorene Geld fehlt den heutigen Erwerbstätigen später auf ihrem eigenen Rentenkonto. Wenn von einem „Klau“ gesprochen werden kann, dann sind die Geschädigten die Erwerbstätigen, weil ein „Klau“ an ihrem Erwerbseinkommen stattfindet, was von den Gewerkschaften mutwillig forciert wird.
Es erstaunt nicht, dass die Gewerkschaftsexpertin in BVG-Fragen und Präsidentin einer Pensionskasse, Colette Nova, nicht in die irreführende linkspopulistische Polemik einstimmt. Sie weiss genau, wie gefährlich das Negieren von versicherungsmathematischen Tatsachen für die zweite Säule, für die Stabilität der Vorsorge und für die Generationensolidarität werden kann. Es ist nämlich höchst gefährlich, wenn der aktiven Bevölkerung die ganze Verantwortung für ein zusehends in Schieflage geratenes Vorsorgesystem aufgebürdet wird, sie sich aber nicht auf eine eigene sichere Rente verlassen kann.
Gemeinsam die 2. Säule sichern und ein Rentendebakel verhindern
Es geht nicht primär darum, dass wir alle hundertjährig werden wollen (dann müsste der Umwandlungssatz noch wesentlich tiefer angesetzt werden), sondern es geht um eine nachhaltige Altersvorsorge, um Generationensolidarität und Generationengerechtigkeit. Nur gemeinsam über alle Generationen hinweg, in gegenseitigem Respekt und Vertrauen sowie mit Rücksicht auf die Bedürfnisse von Jung und Alt können wir unsere zweite Säule auch den künftigen Generationen sichern. Übernehmen wir gemeinsam die Verantwortung und sagen wir JA zum fairen Umwandlungssatz! RH, 31.01.2010